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Nurman Ibrahim Khalifa, Schülerin:
»Sie haben zu ihr gesagt: ›Diese PKK-Kugel ist zu gut für dich!‹ und ihr in den Kopf geschossen«

KURDWATCH, 30. Mai 2015 – Nurman Ibrahim Khalifa, geb. 2001 in al-Hasaka, war dreizehn Jahre alt und Schülerin der neunten Klasse, als sie von der Partei der Demokratischen Union (PYD) entführt und in ein Militärcamp der PKK in Irakisch-Kurdistan verschleppt wurde. Dort sollte sie zur Guerillakämpferin ausgebildet werden. Nach anderthalb Monaten gelang ihr die Flucht. Seit der Machtübernahme der PYD in Syrisch-Kurdistan werden dort immer wieder Minderjährige entführt oder gegen den Willen ihrer Eltern rekrutiert und an der Front eingesetzt. Nurman Ibrahim Khalifa ist das erste Opfer, das in einem Interview mit KurdWatch über seine Erfahrungen berichtet. Sie lebt zurzeit versteckt in Europa.


KurdWatch: Wie heißt du und wann bist Du geboren?
Nurman Ibrahim Khalifa: Mein Name ist Nurman Ibrahim Khalifa und ich wurde am 1. Januar 2001 geboren.

KurdWatch: Wann hast Du Dich der PYD angeschlossen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Bevor ich die neunte Klasse abgeschlossen hatte.

KurdWatch: Wie bist Du mit der PYD in Kontakt gekommen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Über meine Freunde und meine Lehrer. Sie sind zu ihren Versammlungen gegangen. So ist der Wunsch bei mir entstanden, die Partei kennenzulernen.

KurdWatch: Waren diese Lehrer neu eingestellte Lehrer oder gehörten sie zu den alten Lehrern?
Nurman Ibrahim Khalifa: Sie waren neu. Es waren neue Beamte.

KurdWatch: Wie viele Lehrer waren PYD‑Anhänger?
Nurman Ibrahim Khalifa: Etwa fünfundsiebzig Prozent.

KurdWatch: Lehrer und Lehrerinnen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ja.

KurdWatch: Wie hast Du die Entscheidung getroffen, dich ihnen anzuschließen? Haben sie Euch angesprochen und Euch gesagt, ihr sollt in ihre Lager kommen und euch dort an der Waffe ausbilden lassen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ehrlich gesagt, war bei mir der Wunsch entstanden, mich ihnen anzuschließen. Aber ich wollte eigentlich nur zu einer Versammlung von ihnen gehen. Sie haben mich jedoch in einen Wagen gesetzt und nach Dêrik [al‑Malikiya] gebracht.

KurdWatch: Du wolltest eigentlich nur zu einer Versammlung und sie haben Dich in ihr Ausbildungslager gebracht?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ja, ich wurde nicht zu der Versammlung gebracht, sondern nach Mela Merzê. Dort gibt es ein geheimes militärisches Trainingslager.

KurdWatch: Aber sie haben Dir doch gesagt, dass sie Dich in ein Trainingslager bringen werden, oder?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein, ich habe irgendwann gemerkt, dass ich in das Lager gebracht werde. Ich habe unterwegs aus dem Wagen heraus meinen Bruder gesehen. Ich habe nach ihm gerufen und gegen das Autofester geschlagen. Ein Kader, eine Frau, hat [zum Fahrer] gesagt: »Fahr schneller, ihr Bruder kommt.« Als ich weiter gegen die Scheibe schlug, haben sie mir mit einem Gewehrkolben auf den Hinterkopf geschlagen. Ich war ohnmächtig und bin erst im Militärcamp wieder aufgewacht.

KurdWatch: Warst Du die einzige, die an jenem Tag zu der Versammlung wollte, oder waren auch andere dabei?
Nurman Ibrahim Khalifa: Wir wollten nach dem Unterricht gemeinsam mit unseren Lehrern zu der Versammlung. Sie haben gesagt, sie gehen zu einer Versammlung und ich habe gesagt, okay, ich komme mit. Aber ich habe an der Versammlung nicht teilgenommen, ich wurde nach Dêrik gebracht.

KurdWatch: Wie viele Schüler wart ihr? Seid ihr in einem Auto oder in einem Bus dorthin gebracht worden?
Nurman Ibrahim Khalifa: In einem normalen Wagen. Ich war allein. Erst, als ich in Dêrik war, habe ich meine Freunde wiedergesehen. Ich habe sie gefragt, was sie hier machen, und sie sagten: »Wir haben uns ihnen angeschlossen.«

KurdWatch: War ihnen auch gesagt worden, dass sie zu einer Versammlung gebracht werden?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein, sie hatten sich entschieden.

KurdWatch: Wie lange wart ihr in Dêrik?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nicht in Dêrik, in Mela Merzê sind wir fünf Tage geblieben.

KurdWatch: Was habt ihr in diesen fünf Tagen gemacht?
Nurman Ibrahim Khalifa: Wir sind früh um halb vier aufgestanden. Von halb vier bis sieben Uhr war Sport. Um sieben war Frühstück. Dann gab es Unterricht, dazwischen eine halbe Stunde Pause, sonst bis neun Uhr abends Unterricht.

KurdWatch: Was wurde Euch im Unterricht erzählt?
Nurman Ibrahim Khalifa: In dieser Woche gaben uns Dschumʿa, Raschid und einige andere Unterricht. Ich kann mich nicht erinnern, was sie genau gesagt haben.

KurdWatch: Es heißt, dass es in einer Unterrichteinheit um die Familie geht und dass versucht wird, die Eltern schlecht zu machen, damit die Jugendlichen nicht versuchen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Hattet ihr solch einen Unterricht?
Nurman Ibrahim Khalifa: Als ich ankam wurde mir gesagt. »Vergiss deine Familie.« Wenn sie so etwas sagen, bedeutet das, dass sie keine gute Partei sind.

KurdWatch: Was habt ihr gegessen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Wir bekamen morgens Oliven und hatten vier Minuten zum Frühstücken. Mittags gab es Weizengrütze, auch für diese Mahlzeit hatten wir vier Minuten. Abends bekamen wir Spaghetti, hatten aber nur zwei Minuten Zeit zum Essen.

KurdWatch: Konntet ihr in den vier beziehungsweise zwei Minuten satt werden?
Nurman Ibrahim Khalifa: Natürlich nicht, aber wir waren gezwungen.

KurdWatch: Wie war die erste Woche? Habt ihr auch eine militärische Ausbildung bekommen oder nur eine politische?
Nurman Ibrahim Khalifa: Am Anfang haben wir nur eine politische Ausbildung bekommen und erst wenn die Familie nicht mehr nach jemandem gefragt hat, wurde diese Person militärisch ausgebildet.

KurdWatch: Wie war der Ort, an dem ihr gelebt und Sport gemacht habt?
Nurman Ibrahim Khalifa: Frauen und Männer waren getrennt und der Sport wurde draußen gemacht.

KurdWatch: Was habt ihr beim Sport gemacht?
Nurman Ibrahim Khalifa: Laufen, drei, vier Stunden.

KurdWatch: Wie viele Schüler waren in dem Militärcamp und wie viele waren in Deinem Alter?
Nurman Ibrahim Khalifa: In meinem Alter waren etwa zehn und insgesamt waren dort um die fünfzig Leute.

KurdWatch: Wart ihr von den Männern getrennt?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein, wir haben zusammen gegessen, Sport gemacht und Unterricht gehabt. Wir haben nur getrennt geschlafen.

KurdWatch: Wann seid ihr schlafen gegangen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Um zehn Uhr abends. In der Nacht haben wir natürlich Wache gehalten. Abwechselnd einen Tag eine und am anderen zwei Stunden.

KurdWatch: Das bedeutet, ihr habt am Tag zwischen drei und vier Stunden geschlafen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ich habe es nicht berechnet, das wird aber ungefähr zutreffen.

KurdWatch: Seid ihr jeden Morgen um halb vier geweckt worden?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ja, die Kaderfrau ist gekommen und hat »Guten Morgen« gerufen. Wer nicht aufgestanden ist, wurde bestraft.

KurdWatch: Was war die Strafe?
Nurman Ibrahim Khalifa: Du durftest mit niemandem reden oder Du musstest körperliche Arbeit machen. Oder man hat kein Essen bekommen oder musste spülen. Das waren die Strafen.

KurdWatch: Wie lange durfte man nicht essen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ein, zwei, längstens drei Tage.

KurdWatch: Was hat man den Kindern gesagt, die ihre Eltern vermisst haben und zurück wollten?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ich gehörte zu ihnen. Ich wollte nur mit meiner Familie sprechen. Ich wollte wissen, wie es ihnen geht. Sie haben es nicht zugelassen und haben mich für zwei Tage nach Dêrik geschickt. Und dann haben sie uns über den Fluss nach Irakisch-Kurdistan gebracht, auf den Berg Haftanin, und hier blieben wir.

KurdWatch: Was haben sie Euch nach der ersten Woche im Unterricht beigebracht?
Nurman Ibrahim Khalifa: Normalerweise erzählen sie vom Führer, dem Volk und der Gesellschaft. Das haben sie hier überhaupt nicht gemacht. Sie haben nur von der Geschichte der Frauen erzählt.

KurdWatch: Habt ihr einen Schwur oder dergleichen abgelegt?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ja, wir haben dreimal geschworen, dass wir uns einsetzen werden für die Freiheit des Führers, für die Freiheit Kurdistans und so weiter.

KurdWatch: Wie habt ihr gegessen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Es gab eigentlich einen langen Tisch, an dem wir stehend gegessen haben. Aber manchmal stand das Essen auf dem Boden und auch dann mussten wir stehend essen.

KurdWatch: Das heißt, ihr musstet euch immer bücken um zu essen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ja.

KurdWatch: Wieso haben sie das gemacht?
Nurman Ibrahim Khalifa: Damit wir nach ihrer Politik erzogen werden.

KurdWatch: Wie war die Situation in Irakisch-Kurdistan, wie viele wart ihr?
Nurman Ibrahim Khalifa: Wir waren ungefähr hundertvierzig Jungen und fünfzig Mädchen.

KurdWatch: Sind alle, die in Syrien mit dir im Camp gewesen sind, nach Irakisch-Kurdistan gebracht worden?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein. [Alle, die nach Irakisch-Kurdistan gebracht wurden,] haben sich am großen Fluss getroffen. Es waren circa sechzig Leute, die ungefähr in meinem Alter waren, und um die vierzig waren noch jünger als ich. Wir sind zusammen über den Fluss nach Irakisch-Kurdistan.

KurdWatch: Ich kann mir vorstellen, dass es für viele Kinder sehr schwer war, plötzlich von den Eltern getrennt zu sein. Haben sie erzählt, dass sie ihre Eltern vermissen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Wir hatten nicht viel Gelegenheit, miteinander zu sprechen. Wegen des vielen Unterrichts und des Trainings. Aber einige erzählten, dass sie gezwungen wurden mitzugehen. Sie vermissten ihre Eltern und wollten zurück.

KurdWatch: Konntet ihr auch nachts nicht miteinander sprechen? Wie viele wart ihr in einem Zimmer?
Nurman Ibrahim Khalifa: In der ersten Woche waren wir sechzehn in einem Zimmer. Sprechen war verboten. Wenn wir geschlafen haben, war eine Wache im Zimmer, damit wir nicht miteinander sprechen.

KurdWatch: Ist die Gruppe, die gemeinsam über den Fluss gegangen ist, in Irakisch-Kurdistan zusammen geblieben oder ist sie später getrennt worden?
Nurman Ibrahim Khalifa: Wir sind gemeinsam nach Südkurdistan und sind zum Tschiyaye Sipi gegangen. Ein Drittel blieb hier. Andere sind zum Matin, weitere zum Haftanin und wieder andere zum Ararat gegangen.

KurdWatch: Als ihr über den Fluss gegangen seid, gab es dort keine Peschmerga?
Nurman Ibrahim Khalifa: Wir sind illegal rüber. Es gab keine Peschmerga.

KurdWatch: Seid ihr gemeinsam über den Fluss oder einzeln?
Nurman Ibrahim Khalifa: Jeweils sechs in einem Boot haben den Fluss überquert.

KurdWatch: Habt ihr den Fluss bei Tag oder bei Nacht überquert?
Nurman Ibrahim Khalifa: In der Nacht, bevor zum Morgengebet gerufen wurde.

KurdWatch: Haben sie euch gesagt, dass ihr nach Irakisch-Kurdistan gebracht werdet?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein. Ich wusste, dass die PKK das Gegenteil von dem macht, was man will. [Als ich noch in Mela Merzê war], habe ich ihnen gesagt, dass ich nach Qandil will. Ich wollte an dem Ort bleiben, wo wir waren [Mela Merzê], denn von hier hätte ich zu meiner Familie fliehen können.

KurdWatch: Wie habt ihr in dem Camp in Irakisch-Kurdistan gelebt?
Nurman Ibrahim Khalifa: Es hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, sie haben uns stärker unterdrückt.

KurdWatch: Was heißt unterdrückt?
Nurman Ibrahim Khalifa: Wieso sollte ein Mädchen in meinem Alter Säcke mit Kartoffeln und Wasserkanister tragen? Wir mussten weite Strecken zum Wasserholen in die Berge gehen und die schweren Kanister mit Wasser auf dem Rücken tragen.

KurdWatch: War das eine Bestrafung?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein. Wir mussten Wasser für unser Camp holen. Das Wasser war weit weg. Es musste täglich Wasser geholt werden.

KurdWatch: Gab es im Camp kein Wasser?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein, am Anfang war unser Camp an einer Wasserquelle. Als ich zwei Freundinnen gesagt habe, lasst uns fliehen, hat die eine uns verraten. Da haben sie mich von den anderen getrennt. Sie haben die andere Freundin und mich in ein anderes Camp gebracht. Und dieses Camp war weit von der Wasserquelle entfernt.

KurdWatch: Wie viel ward ihr im Camp?
Nurman Ibrahim Khalifa: In der Bergkette Gümlê gab es vierzehn Stützpunkte. In jedem Stützpunkt gab es um die hundertvierzig Personen und mehr.

KurdWatch: Wer hat das Essen vorbereitet?
Nurman Ibrahim Khalifa: Jeden Tag wurden zwei von uns damit beauftragt. Immer eine Frau und ein Mann.

KurdWatch: Konntet ihr kochen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Überhaupt nicht. Aber wir haben alles gegessen, was wir bekommen haben.

KurdWatch: Was habt ihr gegessen?
Nurman Ibrahim Khalifa: In den Bergen morgens Oliven, auch hier hatten wir vier Minuten Zeit.

KurdWatch: Oliven mit Brot?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ohne Brot.

KurdWatch: Nur Oliven?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ja.

KurdWatch: Ihr konntet doch gar nicht satt werden.
Nurman Ibrahim Khalifa: Natürlich nicht. Und wenn es keine Oliven gab, haben wir rohe Kartoffeln gegessen.

KurdWatch: Was habt ihr mittags bekommen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Jeden Tag Weizengrütze.

KurdWatch: Nur Weizengrütze, keine Beilagen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nichts dabei.

KurdWatch: War das auch in Dêrik so?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ja, auch in Dêrik.

KurdWatch: Gab es zum Essen Wasser?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein, man musste einen Kilometer zur Quelle laufen, um sich ein Glas Wasser zu holen.

KurdWatch: Was habe ihr abends gekommen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Spaghetti.

KurdWatch: Was war auf den Spaghetti?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nichts.

KurdWatch: Spaghetti mit Salz?
Nurman Ibrahim Khalifa: Auch kein Salz.

KurdWatch: Gab es Brot?
Nurman Ibrahim Khalifa: Brot haben wir einmal im Monat gebacken und das musste reichen. Wir haben Brot ohne alles gegessen. Morgens, wenn es keine Oliven gab, bekamen wir nur Brot.

KurdWatch: Wurdet ihr gefoltert?
Nurman Ibrahim Khalifa: An jenem Abend, als ich mit meinen Freundinnen zum ersten Mal versucht habe, abzuhauen. Sie haben uns jedoch gefangen genommen. Wir kamen ins Gefängnis. Ich blieb nur zwei Tage im Gefängnis, meine Freundin jedoch vier Tage. Als sie rauskam, hatte sie Wunden am Körper. Sie war geschlagen worden. Sie war mit Gürteln und Kabeln geschlagen worden.

KurdWatch: Wie alt war die Freundin?
Nurman Ibrahim Khalifa: So alt wie ich, dreizehn Jahre.

KurdWatch: Habt ihr auch eine militärische Ausbildung erhalten?
Nurman Ibrahim Khalifa: Wir hatten erst eine theoretische Waffenausbildung. Später auch eine Ausbildung mit Waffen.

KurdWatch: Seid ihr jeden Tag militärisch ausgebildet worden?
Nurman Ibrahim Khalifa: Die ersten fünfzehn Tage gab es keine militärische Ausbildung. Danach gab es nach dem Frühstück bis elf Uhr die militärische Ausbildung. Dann gab es das Mittagessen.

KurdWatch: Haben in der Zeit, in der du bei der PYD warst, auch andere zu fliehen versucht?
Nurman Ibrahim Khalifa: Zwei Tage bevor wir geflohen sind, haben ich und meine Freundin sieben Leuten geholfen zu fliehen. Sie hatten Wache und danach wären wir dran gewesen. Wir haben ihnen gesagt, ihr könnt jetzt fliehen und wir halten Wache. Sie sind geflohen und dann sind wir später abgelöst worden. Erst morgens früh wurde festgestellt, dass sie fehlen. Uns wurde nicht gesagt, dass sie geflohen sind. Sie haben behauptet, sie seien zu einem anderen Stützpunkt verlegt worden.

KurdWatch: Haben viele versucht zu fliehen? Und sind Personen gefangen genommen worden?
Nurman Ibrahim Khalifa: Als ich in die Berge kam, hatte ein Mädchen bereits sieben Mal versucht zu fliehen, und beim achten Mal wurde sie erneut gefangen genommen. Wir wurden alle zusammengeholt. Den ganzen Abend gab es eine Versammlung. Sie wurde auf eine Bühne gestellt und ihr wurde gesagt, dass eine PKK‑Kugel zu gut sei für sie und sie wurde erschossen und in den Fluss geworfen.

KurdWatch: Wie alt war sie?
Nurman Ibrahim Khalifa: Achtzehn oder neunzehn Jahre.

KurdWatch: Wie lange warst du in den Bergen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Seit dem 5. November 2014 war ich dabei und am 24. Dezember habe ich mich abgesetzt.

KurdWatch: Wie bist Du geflohen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ehrlich gesagt hatte ich nicht den Mut zu fliehen. Meine Freundin hat mir geholfen. Das erste Mal sind wir ja gefangen genommen worden und waren im Gefängnis. Zwei Tage war ich im Gefängnis, ohne Essen und Trinken. Beim zweiten Mal haben wir einen Jungen gefragt, ob er mit uns fliehen will, da wir Mädchen es alleine nicht schaffen. Aber er hat uns verraten. Meine Freundin sollte verlegt werden. Aber am nächsten Abend hatte meine Freundin Wachdienst und sie hat mich geweckt. Sie hat vorher die Jungs abgelenkt, die eigentlich nach ihr hätten Dienst haben sollen. Wir sind dann in der Nacht den Berg runter. Wir sind ungefähr zehn Kilometer gelaufen, bis wir ein Dorf erreicht haben. Hier gab es nur zwei bewohnte Häuser. Wir sind in ein Haus rein. Hier wohnte eine ältere Frau. Sie hat uns aufgenommen bis morgens früh und dann wurden wir der KDP übergeben.

KurdWatch: Wie hat euch die KDP empfangen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Sie waren sehr nett und solange wir leben, werden wir ihnen dankbar sein.

KurdWatch: Haben sie euch verhört?
Nurman Ibrahim Khalifa: Sie haben uns befragt und wollten alles wissen.

KurdWatch: Du sagtest, dass ein Mädchen getötet worden sei. Woher kam sie?
Nurman Ibrahim Khalifa: Aus ʿAfrin. Ihr Parteiname war Beritan Tolhildan.

KurdWatch: Kennst du ihren richtigen Namen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein.

KurdWatch: Sie wurde vor euren Augen erschossen? Wie viele mussten sich das ansehen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Unsere ganze Gruppe. Wir waren etwa hundertvierzig Leute. Sie haben die Versammlung nur gemacht, um sie zu erschießen.

KurdWatch: Wer hat sie erschossen?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ein Kader, eine Frau und die höchste Kommandantin auf dem Berg Haftanin. Sie hieß Berfin Agiri, eine Nordkurdin aus Botan.

KurdWatch: War sie schon lange bei der PKK?
Nurman Ibrahim Khalifa: Seit circa dreißig Jahren.

KurdWatch: Hat das Mädchen irgendetwas gesagt, bevor sie umgebracht wurde?
Nurman Ibrahim Khalifa: Nein, sie hat nichts gesagt. Sie haben zu ihr gesagt: »Diese PKK‑Kugel ist zu gut für dich!« und ihr in den Kopf geschossen. Sie war ein ganz ruhiges Mädchen. Sie hatte nicht genug Selbstvertrauen und wurde deshalb bei jedem Fluchtversuch festgenommen. Beim achten Mal hat man sie getötet. Wir wollten die Leiche den Eltern übergeben. Sie haben es jedoch abgelehnt. Ich und meine Freundin haben gesagt, dass wir ihren Eltern erzählen, sie sei im Kampf gefallen. Aber sie [Berfin Agiri] hat uns nur böse angesehen und gesagt: »Das ist nicht eure Angelegenheit.«

KurdWatch: Sonst hat niemand etwas gesagt?
Nurman Ibrahim Khalifa: Keiner hat sich getraut irgendetwas zu sagen. Einmal hat sich einer beschwert und geschimpft. Sie [Berfin Agiri] hat ihm das Gewehr an den Kopf gehalten und gesagt, sie würde mit ihm dasselbe machen.

KurdWatch: Wie hießen die Leute, die euch ausgebildet haben?
Nurman Ibrahim Khalifa: Bei uns waren Genossin Berfin, Genosse Akif und verantwortlich für ganz Haftanin waren Rezan, Sozan und Berfin.

KurdWatch: Wie viele Kinder gab es in deiner Gruppe?
Nurman Ibrahim Khalifa: Unsere Gruppe bestand aus hundertvierzig Leuten und sechzehn davon waren Kinder. In den anderen Gruppen gab es circa vierzig Kinder.

KurdWatch: Waren diejenigen, die ausgebildet worden sind, glücklich?
Nurman Ibrahim Khalifa: Ehrlich gesagt, keiner war glücklich. Sie haben nur gelacht, damit man nicht entdeckt, dass sie unglücklich sind.

5. März 2015

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